Alpenflug

Nächster Morgen: Durch den Frühdunst scheint die südlich-starke Sonne. Richtig was los auf dem Flugplatz! Motorsegler, UL, Segelflugzeuge, Flugschüler, Charterer, C150, Robin, alles ist auf den Rädern, Warteschlange vor der Tankstelle (Avgas + Mogas). Junge Segelflugschüler helfen mir beim Tanken und, wie in Süddeutschland häufig, erzählt ein Pilot aus Kempten „seine Geschichte vom DO-Fliegen damals“.

Also: Los geht’s in einen herrlichen Herbsttag im Allgäu!
Rollen ist für einen Fremden hier schwieriger als auf einem großen Verkehrsflughafen: wegen der gekreuzten Bahnen und Rollwege, die sich als Gras erst mal optisch nicht unterscheiden. Scheinbar von überall her kommen Flugzeuge, stehen in Parkreihen, warten auf mich, ich rolle an anderen Stehenden vorbei, biege „um die Ecke“. Wir sind eine kleine Prozession zur Piste 17, die Gegenrichtung zur gestrigen Landung. Mit der Karte in der Hand gilt es, sich nicht zu „verfahren“ und nirgendwo anzustoßen (manchmal möchte man die Flügel einfahren können).

Rollhalt, Run-Up, Klappen auf 15°, alles nach vorn, (Gemisch verarmt sich bei der DO automatisch), rechtes Seitenruder schon mal antesten, und los. Startrichtung geht jetzt geradezu auf die nahen Berge. Steigrate 1000 ft/Min: ohne Schleifen komme ich in gutem Abstand über die Vorgebirge.

AlpenVorbeiflug Das Flugzeug ist nur gering beladen und der Steigwinkel so imposant, dass die Nase vorausliegende Berge verdeckt und ich Kurven fliegen und den Hals recken muss, um an der Haube vorbeizusehen.
Kurs direkt 120°. Theoretisch müsste man einen kleineren Kurs fliegen, um nicht österreichisches Territorium hinter Füssen zu überfliegen. Links sehe ich das Zuckerbäckerschloß Newshwanstine , ich überquere die Ammergauer Alpen. Südöstlich vom Eibsee liegt 7000 ft höher die Zugspitze mit dem Wettersteingebirge.
Gas muß wegen des abnehmenden Luftdrucks ständig nachgeschoben werden. Kein Wind, also auch deshalb gute Bedingungen. Ich melde mich bei München Information, QNH 1028 und Squak 0022. Im Gebirge fliegt man weiter nach QNH und nicht nach FL, weil der Vergleich der QNH-Höhe mit der Kartenhöhe der Berge schon wichtig zu wissen ist... Die Öltemperatur geht über den Grenzwert: Kühlluftklappe auf, Steigwinkel verringern, etwas weniger Gas.

Für Flachlandpiloten ungemein interessant, das Relief und die Reichhaltigkeit der optischen Eindrücke der Gebirgsfliegerei!
Nach 20 Minuten sehe ich rechts das breit und grau daliegende Gebirge: die Zugspitze, Höhe 10.500 ft. SchneefernerhausVor zwei und drei Jahren war ich hier schon mit Begleitpiloten – jetzt ganz allein ist es anders. Niemand kann mich korrigieren, helfen. Das steigert die Intensität des Flieger-Erlebnisses, finde ich. Ich überquere den Gipfel von Norden und fliege einige Kurven über der ZugspitzkanteKante: Linkskurve: 3km-Abgrund. Wo würde ich jetzt bei Motorausfall landen? Auf der Gletscherskipiste hangaufwärts? Oder Abstieg tief ins Tal nach Garmisch? Solche Gedanken und die Höhe und mehrere Kurven mit Rauf und runter lassen mich auch kurz ängstigen: Was mache ich hier eigentlich? Ist es nicht gefährlich?
Ich registriere meine Atmung: Ich mache tiefe Atemzüge, fühle mich „leicht“ im Kopf, ein wenig unwohl nach einigen Runden tatsächlich. Ich frage mich, ob ich vor Erregung über dieses verrückte Fliegen vielleicht hyperventiliere, atme deshalb bewusst weniger.

ZugspitzgletschePOSTkarteSo sieht es hier im Winter aus: Landeplatz?

ZugspitzeWolfgangB Zugspitzenfoto von Wolfgang B.

ZugspitzeMartinKoch Bild von Martin K.’s Zugspitzenflug.

 

Es ist schwer, sich aus der Faszination zu lösen, die intensive Situation zu beenden. Niemand beeinflusst mich, keine fremde Vernunft. Mit der Höhe sinkt die Gehirnleistung bekanntlich...Ich betrachte mich nun kritisch. Nach 10 Minuten Zugspitzgipfel- Kurvenfliegerei habe ich Zweifel an meiner fortdauernden Situations-Fitness und befreie mich aus meiner Euphorie: aufhören muß sein, Schluss hier.
Vergaservorwärmung ziehen, etwas Gas reduzieren: Einleitung des Sinkflugs von 12.000 auf 7000 ft. So ein sanfter Abstieg, parallel zum Gipfelgrat, ist auch herrlich.

Abschied von der Zugspitze, - es war ein kleiner Schritt für einen Alpenpiloten, ein grosser für den Flachlandflieger.


GarmischLinks kommt jetzt im Tal Garmisch-Partenkir chen in Sicht.

 

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